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petits Big Bangs in Bad Alchemy

“Kritik”, Rigobert Dittmann, Bad Alchemy, no. 54, May 1, 2007
Tuesday, May 1, 2007 Press

Zur gegenwärtigen Selbstverständlichkeit von Electronica von Frauenhand führt eine nur dünne Linie von Pionierinnen — Daphne Oram (1925-2003), Pauline Oliveros (*1932), Éliane Radigue (*1932), Maryanne Amacher (*1943), Michèle Bokanowski (*1943), Annette Vande Gorne (*1946), Hildegard Westerkamp (*1946), Christina Kubisch (*1948), Hanna Hartman (*1961), Sarah Peebles (*1964)…

Die Kanadierin Marcelle Deschênes (*1939) ist eine von ihnen, eine multimedial und an Mixtechniken interessierte Kapazität, die von 1980-97 an der Université de Montréal lehrte. Die Titeltracks von petits Big Bangs (IMED 0681, DVD-Audio), ‚Big Bang II & III‘, gehören zur Tonspur einer postnukleardystopischen Multimediainstallation. ‚Indigo‘ & ‚Le bruit des ailes‘ bilden die Auftaktkapitel zu ‚Griffes‘ (2000-), eine Arbeit, die, angeregt durch Clarissa Pinkola Estés (Women who run with the wolves) und Marie-Louise von Franz, die ‚Wilde Frau‘ zum Thema macht, wobei Märchenmotive aus Blaubart, Schneeweißchen und Rosenrot und HC Andersens Hässliches kleines Entlein eingearbeitet wurden. ‚Lux‘ (1985) spielt mit dem mythischen Kreislauf von Sonne und Mond, Tag und Nacht. ‚Moll, opéra lilliput pour six roches molles‘ (1976) für Klarinetten, Posaunen, Percussion, Toys & Tonband wirft Traumblicke auf den Strand, das Meer und den Himmel darüber, klickert mit Muscheln und Kieselsteinen und trifft nicht schlecht einen Ton, der zwischen skurril und surreal vexiert. Der Mut zu großen Themen und den zeitlosen Stoffen von Mythen, Märchen und Erzählungen verrät Deschênes Nähe zur GRM-Schule. Stimmsamples und Collagen, die eigene Arbeiten und die von Kollegen ‚kannibalisieren‘, und eine dadurch inszenierte hochgradige Dramatik, etwa das vulkanische und von Nukleartests herrührende Grollen oder Splittern von Eis bei ‚Le bruit des ailes‘, sind typische Stilelemente. Zwischen archaischen Bindungen und Motiven des Begehrens — ‚Lux‘ beginnt mit einem gekeuchten „Desire“ — und der Befreiung, zwischen katastrophalen Ausgängen und Momenten des Gelingens entsteht hörbar Spannung. Deschênes nähert sich dem „Bereich der Gelüste“, der dunklen Geheimnisse und der Träume mit jener Tapferkeit, die laut allen Märchen zum ‚Volksvermögen‘ gehört.