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  • Mistpouffers in Bad Alchemy

    “Kritik”, Rigobert Dittmann, Bad Alchemy, no. 100, December 1, 2018
    Thursday, January 10, 2019 Press

    Érik Mathon bekannt als eRikm und z.B. Michel Doneda, dieb13, Fennesz, Martin Tétreault, Otomo Yoshihide, Jérôme Noetinger, Catherine Jauniaux oder Norbert Möslang, das geht und gehört seit 20 Jahren zusammen. Dagegen verwundert es ein bisschen, den 1970 in Mulhouse geborenen Impro-Turntablisten mit Mistpouffers (IMED 18151) unter den Akademisch-Etablierten eingereiht zu finden. Aber waren da nicht auch schon Luc Ferrari, Donaueschingen oder Les Percussions De Strasbourg? In BA sind High & Low freilich selbstverständliche Bettgenossen. Doch das sind Nebensächlichkeiten, wenn sich eRikm von Georges Yoram Federmann zu den ‘Malgré-nous’ de l’histoire zählen lässt. Federmann ist ein französischer Psychiater, der mit ‘Judenhut’ Position bezieht. Im Menachem-TaffelKreis bemüht er sich um die Erinnerung an die 86 für die grausige ‘Straßburger Schädelsammlung’ ermordeten Juden, machte zuerst aber von sich reden, dass er sich um kriegsinvalide Malgré-nous kümmerte. Das waren jene etwa 130.000 ‘wider Willen’ zur Wehrmacht und SS zwangsrekrutierten Elsässer und Lothringer, die nach dem Krieg als Verräter und Kollaborateure in Frankreich verschrien waren und erst 2010 rehabilitiert wurden. Das erscheint mir als doch bemerkenswerte Hinführung auf Draugalimur. Dazu wurde eRikm angeregt durch den Schauplatz des Prologs von Ridley Scotts “Prometheus”, dem DettifossWasserfall in Island, und durch ‘Móðir mín í kví kví’, ein isländisches Wiegenlied, aus dem die Untertöne eines Kindesmordes verdrängt wurden. Er lässt, zu gesprochenen Zeilen des Liedes, im Klang von berstendem Eis und Getrommel auf aufgelassenen Lebertrantanks Naturgeräusche und Menschennot, schmerzliche Beklemmung und musikalische Verzauberung sich im Imaginären kreuzen. Poudre geht aus dem eskalierenden Böllern und Prasseln eines Silvesterfeuerwerks in Berlin hervor. Da rührt auch der flämische Ausdruck ‘Mistpouffers’ her, der für sich selber spricht. Der Elsässer hört dabei im exaltierten Krawall den möglichen Umschlag in zerstörerische Ausschreitungen. Und gedankenspielt mit W. S. Burroughs’ Idee, eine frustrierte Menge mit der Rückkopplung ihres eigenen Krachs zu irritieren und zu attackieren. Bei L’aire de la Moure 2 schließlich hat er ein blutig verfärbtes Felsplateau nordöstlich von Marseilles vor Augen, das als Übungsgelände dient für das Löschen von Waldbränden aus der Luft. Daher das Rot, durch das die Felsen an den Uluru der Aborigines erinnern. Dazu verbindet eRikm Bruce Chatwins “Traumpfade”, Paul Virilios Dromologie und, aus dem Mund von Natacha Muslera, Paul Éluards ‘À la flamme des fouets’ mit seinem alten Kindheitswunsch, fliegen zu können, den er symbolisch realisiert mit Worten, Bildern und Klängen: tickenden, schreitenden, peitschenden Lauten, Wind und Wasser, rauen Vogelstimmen, rhythmischem Wummern, brausenden Flugzeugen. Métal qui nuit, métal de jour, étoile au nid…

    Grains in Bad Alchemy

    “Kritik”, Rigobert Dittmann, Bad Alchemy, no. 100, December 1, 2018
    Thursday, January 10, 2019 Press

    Der 1953 geborene Åke Parmerud, einer der Großen der schwedischen Elektroakustik, hat zuletzt bei Growl (2015) und bei Nécropolis (2016) seine Faszination für Organic Machines und Electric Birds gezeigt. Zwischen Metal-Growlern und den Untoten im Walhalla der Klassischen Musik tauchte er auch in proust’sche Kindheitserinnerungen oder knüpfte mit ReVoiced, einem Potpourri verhuschter Ethnostim an das Titelstück seiner Caprice-CD von 1997 an. Dieses halbstündige Grains of Voices (1994-95), ein zentrales Stück des Schweden, erschaffen aus dem Elementarklang Stimme, aus Stimmen aus der ganzen Welt, kehrt nun auf Grains (IMED 18150) wieder. Let there be sound! Sprecher spielen Reiseleiter durch eine vokale Schöp für ein ‘Roaratorio’ à la John Cage, eine globalisierte ‘Europera’, collagiert aus whitman’schen und ginsberg’schen Sermone, Straßenszenen in Caracas und New Dehli, volkstümlichen Zeremonien auf den Fidjis und in Thailand, Stimmen australischer Aborigines, einem Ketcak-Ensemble in Bali, singenden Bettlern und Mönchen in Dharamsala, untermischt mit improvisatorisch vokalisierenden und mit Opernstimmen. Ein wiederkehrendes “Holy Holy Holy” kontrastiert mit Anklängen an ‘Writing for the 2nd time through Finnegans Wake’, Artistik gibt dem einfachen Leben feierlichen Drall, pfingstliche Sprachverwirrung reibt sich an babylonischer. In the end sound covers the face of the earth. Der metallisch klitzernde Klingund Dröhnklang von Jeux imaginaires (1993) ist danach angeregt durch das Schachweltmeisterduell Karpov-Kasparov. Bei Les objets obscurs (1991) spielt Parmerud mit INA-GRM’scher Musique concrète kleine französische Rätsel, von einer Frau gesphinxt, werden aufgelöst in verklanglichten Alltagsgegenständen, die umeinander odradeken. Für Alias (1990) mischte er Gesualdo mit John Dowlands ‘A Shepherd in a Shade’, Liebe bricht sich an Mord, das Kunstwerk am Künstler. Und, zuckend und flirrend, vice versa.

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